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Funktionale Erklärungen in der Biologie und in der Philosophie des Geistes
Andreas Elepfandt, Markus Wild. Montag, 12. 12. 2005, 18-20 Uhr

Teleologie am Modell praktischen Schließens

Boris Hennig

Die Grundidee

Handlungen und Funktionsausübungen sind einander ähnlich. Beide sind zielgerichtet und für beide gilt das, was man den Akkordeon-Effekt genannt hat. Wenn jemand A tut, um B zu errei­chen, dann tut er B, indem er A tut. "Um zu" und "indem" bezeichnen zwei Seiten derselben Relation. Das gilt auch für Funktionsausübungen. Wenn das Herz Blut pumpt, indem es sich zusammenzieht, dann zieht es sich zusammen, um Blut zu pumpen. Der Akkordeon-Effekt besteht genauer darin, dass Handlungs- und Funktionsbeschreibungen um bestimmte kausale Folgen des Beschriebenen ergänzt und verkürzt werden kšnnen. Man kann gleichermaßen sagen, dass das Herz sich zusammenzieht, wie dass es Blut pumpt. Beides ist ein und derselbe Vorgang.

Ein praktischer Schluss artikuliert eine "um-zu / indem" Struktur, die Handlungen betrifft. Wenn solche Strukturen auch für Funktionsausübungen einschlägig sind, dann sollte sich eine entsprechende Art des Schließens angeben lassen. Die Grundidee dieses Beitrags ist daher, die allgemeine Form praktischen Schlie§ens so abzuwandeln, dass der logische Zusammenhang sichtbar wird, aus dem heraus Funktionszuschreibungen verständlich werden.

Praktisches Schließen

Was ist die allgemeine Form praktischen Schließens? Ein Beispiel:

Warum geht er nach dem Essen spazieren? Bewegung ist gut für die Verdauung.

Hier steht ein im weiteren Sinne kausaler Zusammenhang im Hintergrund: Bewegung verur­sacht einen bestimmten Zustand und dieser Zustand fördert die Verdauung. Wenn einem an Ver­dauung gelegen ist, kann man diesen Zusammenhang rückwärts verfolgen: Man will Verdauung, also den betreffenden Zustand, also Bewegung.

Die allgemeine Struktur ist:

Gegeben ein Ziel Z eines Akteurs α,
wenn α A tut, folgt kausal Z und
es gibt keine offensichtlich effizientere Weise, Z zu erreichen,
ergo: A zu tun ist auch ein Ziel von α

Hier ist in der ersten Prämisse und der Konklusion gleichermaßen von den Zielen eines Han­delnden die Rede. Wir schließen von Zielen auf Ziele und von Handlungen auf Handlungen.

Teleologisches Schließen

Teleologisches Schließen unterscheidet sich dadurch vom praktischen Schließen, dass derje­nige, der den Schluss vollzieht, nicht auch der sein muss, der ihm gemäß handelt. Durch den Schluss wird nicht eine Handlungsentscheidung herbeigeführt, sondern ein gegebenes Verhalten rationalisiert. (Die Effizienzbedingung kann deshalb entfallen, da wir nicht alle logisch möglichen und teilweise absurden Konklusionen betrachten müssen.) Vor allem unterscheidet sich teleologisches Schließen dadurch vom praktischen, dass es nicht von den Zielen partikulärer Individuen handelt. Vielmehr schließen wir von etwas, das Lebewesen einer bestimmten Art typischer Weise tun auf weiteres, was sie typischer Weise tun.

Funktionsausübungen werden durch einen Spezialfall teleologischen Schließens erklärt. Hier kommt hinzu, dass das, was ein Verhalten an den Tag legt (z.B. das Herz) nicht das ist, was davon profitiert (das Lebewesen). Jede Funktion verweist auf ein Lebewesen, in dessen Leben die Funktionsausübung eine Rolle spielt.

Typen von Lebewesen

Was Wesen einer Art typischer Weise tun, kann man mit dem identifizieren, was ein gesun­des Exemplar dieser Art tun sollte. Darauf beruht ein Einwand gegen das bisher vorgebrachte: Der Begriff eines gesunden Exemplars einer Art sollte nicht zur Erläuterung des Funktionsbe­griffes herangezogen werden, da er ihn vielmehr voraussetzt. Die Antwort lautet, dass wir uns hier in der Tat im Kreis bewegen. Teleologisches Schließen ist ein Schritt in dieser Kreis­bewe­gung. Durch Voll­zug eines teleologischen Schlusses schließen wir von einem Verhalten, das Lebewesen einer Art typischer Weise an den Tag legen, auf ein weiteres solches Verhalten. Dadurch kann Stück für Stück rekursiv definiert werden, was es für ein Wesen der betreffenden Art bedeutet, typisch zu sein.

Wo aber setzen wir an? Wir müssen mit der folgenden Annahme beginnen: Leben ist, die eigene Lebensform zu perpetuieren, welche Lebensform das auch immer sein mag. Eine Lebensform ist daher immer zugleich Formal- wie Zweckursache: Der Zweck der Form ist der Erhalt der Form.

 

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