Next: (1)Up:
Wieviele Substanzen gibt
es? Previous: Relative Substanzen Es ist dann
sinnvoll, zu fragen, wozu die Rede von der einen materiellen Substanz
gerade im Kontext der wissenschaftlichen Redeweise dient. Offenbar
will Descartes von der traditionellen Gepflogenheit Abstand nehmen,
einzelne Dinge Substanzen zu nennen. Aristoteles hatte in den
Kategorien geschrieben:
Substanz aber ist die
hauptsächlich und an erster Stelle und vorzüglich genannte,
die weder von einem zu Grunde Liegenden ausgesagt wird noch in einem
zu Grunde Liegenden ist, zum Beispiel der individuelle Mensch oder
das individuelle Pferd.
Grob gesagt ist hier
dasjenige eine Substanz, das in einem Satz nicht von anderem
ausgesagt wird. In dem Satz ,Ein Pferd ist teuer` wird nicht das
Pferdsein ausgesagt, sondern das Teuersein. Substanzen werden nicht
ausgesagt oder zugeschrieben, sondern durch Subjektworte
(
nomina) bezeichnet.Entsprechend hatte auch die Logik noch
nicht konsequent mit Variablen gearbeitet. Die Rede über Dinge
hatte es zunächst mit Namen oder
natural kind terms zu
tun und nicht mit unbestimmten Substanzen und deren
Eigenschaften. Die mittelalterliche, aristotelisch geprägte
Logik hatte, grob skizziert, Subjektworte (
nomina) von
Prädikatworten unterschieden. Subjektworte bezeichnen
Substanzen, mit den Prädikatworten wird einer so bezeichneten
Substanz eine Eigenschaft zugesprochen. Die scholastische
Urteilstheorie ist freilich um einiges komplizierter, so dass einer
der Vorzüge der zu Descartes' Zeit beginnenden modernen Logik
eher deren
Einfachheit ist.

Petrus Hispanus, Verfasser eines
einflussreichen Logik-Lehrbuchs aus dem 13. Jahrhundert,
unterscheidet verschiedene Ebenen, auf denen die Zuschreibung einer
Eigenschaft geschieht. Erstens bezeichnet jedes Nomen ein Ding
mittels einer Eigenschaft.

Zweitens kann dem, was das Nomen so
herausgreift, eine weitere Eigenschaft durch einen Behauptungssatz
zugesprochen werden. In dem Satz ,Alle Menschen sind sterblich` wird
durch das Nomen ,Mensch` eine Substanz anhand einer gewissen
Eigenschaft, ,Menschlichkeit` etwa, bezeichnet. Eine weitere
Eigenschaft, sterblich zu sein, wird dann der menschlichen Substanz
zugesprochen. Die Naturphilosophie hatte dementsprechend Aussagen
über Gold, Steine oder sublunare Materie machen können, in
der folgenden Form:
Jedes F ist ein
G.
Dagegen weist Descartes darauf hin, dass die
Wissenschaft von der körperlichen Substanz, die er im Auge hat,
nicht von einzelnen Dingen handelt, sondern stets von der
ganzen
ausgedehnten Welt.
Ein Vorspiel hat dies im
Streit um die Substanz des Brotes beim Abendmahl. Laut christlicher
Lehrmeinung verwandelt sich das Brot, das beim Abendmahl gereicht
wird, in den Körper von Jesus Christus.

Dies im Rahmen einer Physik zu
erklären, war stets ein notorisches Problem.

Thomas von Aquin hatte
geschrieben, das Brot verliere durch das Wort des Priesters

seine Brot-Substanz und
bestehe fortan als
Corpus Christi weiter, indem lediglich
sein Ausgedehntsein erhalten bleibe.

Interessant ist an dieser Theorie vor
allem, dass der Unterschied zwischen Brot und
Corpus Christi
nur durch
eines festgestellt werden kann: Man achtet darauf,
was der Priester sagt. Dessen Worte werden dadurch zu einem
performativen Sprechakt und der Unterschied der Substanzen zu einem
gesellschaftlichen, weil lediglich anhand einer
Kommunikation identifizierbaren, Tatbestand.

Descartes spricht entsprechend vom
,,Wunder der Substanzumwandlung, das nur durch die Worte des
Priesters erschließbar ist.``

Arnauld hatte in seinen Einwänden
auf die
Meditationen beklagt, Descartes mache die
Substanz
losigkeit des Brotes beim Abendmahl zum
Normalfall.

Dieser erwiderte,
gerade dadurch mache seine Physik die Substanzumwandlung fassbar.

Descartes kann dies
allerdings nur behaupten, weil seine Physik von vornherein nichts als
die Ausdehnungseigenschaften berücksichtigt. Daher ist seine
Substanzlehre mit der thomistischen Theorie über das Abendmahl
kompatibel: Zwar hat der Sprechakt des Priesters weiterhin seine
religiöse Funktion, physikalisch aber ändert er nichts am
Brot, da dieses seine Ausdehnungseigenschaften
beibehält. Descartes gesteht hiermit insbesondere gegenüber
der Theologie ein, dass seine Physik zwar stringent und korrekt die
Welt der ausgedehnten Körper beschreibe, aber nicht
vollständig, indem sie nämlich nicht zwischen Brot
und
Corpus Christi zu unterscheiden vermag. In diesem Punkt
wird ihm Arnauld, in seiner epochemachenden
Logik von Port
Royal, schließlich folgen.

Dort wird er auch beklagen, dass
Eigenschaften bisher mit echten Substanzen vermischt worden
seien.
Es ist höchst wichtig, zu wissen, was
wirklich ein modus ist und was nur so scheint, weil es eine
der Hauptursachen unserer Fehler ist, die modi mit den
Substanzen zu vermischen.
Auf der einen Seite streben
Descartes und Arnauld danach, Substanzzuschreibungen und
Eigenschaftszuschreibungen voneinander zu trennen. Sie erkennen nur
zwei Arten von Substanzen an, entsprechend den zwei Klassen klarer
und deutlicher Begrifflichkeit, aber viele Eigenschaften. Damit
verläuft die Unterscheidung zwischen Substanz und Eigenschaft
parallel zu der zwischen Attribut und
modus. Es ist Eines,
einem Ding verschiedene
modi zuzuschreiben, und ein Anderes,
den Bereich der Eigenschaften, also die Substanz, von der die Rede
ist, zu wechseln. Andererseits vereinheitlicht Descartes damit gerade
den Bereich der Subjekte, von denen die Rede sein kann. Das Wort
Dreieck bezeichnet für ihn nicht mehr eine dreieckige Substanz,
sondern eine ausgedehnte Substanz in dreieckiger Form. Dreieckigkeit
ist kein unveränderliches Attribut. Damit bezeichnen zwei
verschiedene Subjektworte im Bereich des ausgedehnten, etwa Dreieck
und Quadrat,
dieselbe Substanz in verschiedenen Teilen und
Formen. Indem substantielle Eigenschaften wie die der Ausdehnung
für einen ganzen Bereich von Sätzen, wie den der Sätze
der Geometrie, einheitlich vorausgesetzt werden, unterscheidet
Descartes streng zwei Verfahren: (a) die Angabe einer Eigenschaft
eines Dinges, (b) der Wechsel des Redebereiches aller Dinge, von
denen gehandelt wird. In diesem Sinne fordert Descartes, seine beiden
Substanzen streng voneinander zu unterscheiden. Wer von der Rede
über Ausgedehntes zu der Rede über Denkendes übergeht,
muss sich darüber im klaren sein, dass er den Redebereich
vollständig wechselt.Dies hat auch zur Folge, dass Descartes
innerhalb der Physik vollständig auf die Benennung von
Substanzen verzichten kann.

Denn Substanzen müssen nur namhaft
gemacht werden, wenn es gilt, den Redebereich zu wechseln.
Der Redebereich der
Physik fällt für Descartes mit dem der Geometrie
zusammen.

Nicht nur eignet
sich die Geometrie dazu, physikalische Objekte zu beschreiben, die
physikalische Welt
ist geradezu mathematisch. Ernst Cassirer
schreibt in seinem Buch über Descartes:
Die Frage,
wie eine ,,Anwendung`` der Mathematik auf die Natur möglich ist,
hat Descartes nicht gestellt. Er brauchte sie nicht zu stellen: denn
er erkannte zwischen den beiden Gebieten keinen Trennungsstrich (...)
an.
Auch erkannte
Descartes keinen Unterschied zwischen Geometrie und Mechanik an, da
er in der Physik grundsätzlich die Annahme von Kräften wie
der Schwerkraft verweigerte.

Die Mechanik und mehr noch die
Newtonsche Physik stellt nicht in erster Linie dar, wie konkrete
einzelne Dinge sich verhalten, sondern wie ,essich` mit der ganzen
ausgedehnten Welt verhält. Eine der wichtigsten Neuerungen in
der Astronomie der Neuzeit ist, dass man begann, dieselben Gesetze
auf irdische Körper wie auf Planeten anzuwenden.

Zuvor hatte man die sogenannte
sublunare Materie von den Planeten strikt unterschieden. Der
Redebereich ist das, wofür die Sätze gelten, und durch die
Vereinheitlichung dieses Bereiches werden mehrere Sätze
aufeinander beziehbar, indem sie von Demselben handeln. Die
cartesische Physik formuliert Naturgesetze, die für alles
Ausgedehnte gelten und die prinzipiell die Form haben: ,,Für
alle x gilt, dass die Eigenschaft F mit der Eigenschaft G so und so
zusammenhängt.`` Auf einer anderen Ebene muss nun dazu gesagt
werden, was alles als x gelten kann. In moderner
Prädikatenlogik:
für alle x (Fx impliziert
Gx), wobei x aus M
Die cartesische Physik etwa bewegt
sich von vornherein im Bereich M beliebiger ausgedehnter Dingen und
alle weiteren Terme werden als reine Eigenschaftsworte gewertet. Der
obige Satz spricht nicht mehr über eine F-Substanz, der eine
G-Eigenschaft zukommt, sondern über das Verhältnis zwischen
zwei Eigenschaften F und G einer M-Substanz. Das bedeutet auch, dass
Eigennamen in der Physik nicht für Einzeldinge stehen sollten,
sondern bestenfalls für Zahlen und Konstanten.

Alle Gegenstände der
Physik sind als Bündel von Eigenschaften der einen ausgedehnten
Substanz, also unter Verzicht auf genuine Namensgebung,
beschreibbar.

Die moderne
Prädikatenlogik hat Descartes nicht zur Verfügung
gestanden, Vorbild für seine wissenschaftliche Methode war
vielmehr Euklids Geometrie. Die Elemente Euklids waren unter anderem
1533 in Basel erschienen, im Vorwort dieser Edition empfahl Simon
Gyrenaeus die Geometrie als
absoluta et perfecta formula ohne
Rhetorik, als Vorbild aller Künste. Sie beginnen mit einer Reihe
von Definitionen, in denen Punkte, Linien und Flächen
erklärt werden, und zwar vollständig anhand von
Eigenschaften.

Damit ergeben sich
insgesamt drei Argumente für die cartesische Trennung zwischen
der ausgedehnten Materie und den denkenden Substanzen.
Next: (1)Up:
Wieviele Substanzen gibt
es? Previous: Relative Substanzen