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verstehenUp: Der
Mensch: das undeutliche Previous: Reale Qualitäten Eben jene Elisabeth hatte
Descartes in einem Brief vom 6.-16. Mai 1643 die Gretchenfrage
gestellt: Wie denn die Einheit von Seele und Körper vorstellbar
sei, wenn beides doch grundsätzlich verschiedene Substanzen
seien.
[Ich bitte Sie, mir zu sagen,] wie die Seele des
Menschen die Lebensgeister (esprits) des Körpers [zu
etwas] bestimmen kann, um die willentlichen Akte hervorzubringen.
Da eine
körperliche Bewegung nur durch eine weitere körperliche
Bewegung hervorgerufen werden könne, schreibt Elisabeth weiter,
sei unklar, wie überhaupt etwas unkörperliches Prinzip und
Anfang einer Bewegung sein könne. Schließlich fordert sie
Descartes auf, zur Klärung der Frage mehr über die
menschliche Seele zu sagen, als dass sie eine nur denkende Substanz
sei.

Descartes antwortet
postwendend mit einem Brief, der auf den ersten Blick weniger zu
erklären, als vielmehr der Frage auszuweichen
scheint:
Zunächst ziehe ich in Betracht, dass es in
uns gewisse einfache Begriffe gibt, die wie Originale sind, anhand
derer wir uns alle unsere anderen Erkenntnisse bilden. Und es gibt
nur sehr wenige solcher Begriffe, wir haben nämlich, nach den
allgemeinsten wie dem Sein, der Zahl, der Dauer usw., die auf alles
passen, was wir erfassen können, für den Körper im
Besonderen nur die Begriffe der Ausdehnung, aus denen die der Gestalt
und der Bewegung folgen. Für die Seele allein haben wir nur den
des Denkens, der die Wahrnehmungen des Verstandes und die Antriebe
des Willens in sich schließt. Schließlich haben wir
für die Seele und den Körper gemeinsam nur den [Begriff]
der Einheit, von dem derjenige der Kraft abhängt, die die Seele
hat, den Körper zu bewegen, und die der Körper hat, auf die
Seele zu wirken, indem er ihre Empfindungen und Leidenschaften
verursacht.
Bemerkenswert ist, dass
Descartes hier die körperlichen Denktätigkeiten, also die
imaginatio und
sensatio, nicht mehr einfach der Seele
oder dem Körper zuschreibt, sondern ihrer Verbindung als
solcher. Es fallen also wichtige
psychologische Konzepte in
den Bereich der ,dritten Grundbegriffe`, die von der Verbindung
handeln. Dies sind die der Emotion, Motivation und Einbildung.Unter
einer Verbindung (
union) könnte zweierlei verstanden
werden: (1) Das Verbundene im Zustand der Verbundenheit, so wie man
von einer Legierung von Metallen spricht, oder (2) die Verbundenheit
selbst, wie man von einer Telefonverbindung spricht. Eine Verbindung
im letzteren Sinne ist selbst kein Ding und keine Substanz, sondern
ein
accidens zweier verbundener Dinge.

Aber auch dann ist unklar, wessen
Akzidens denn die Verbindung sein könne. Die Verbindung zwischen
ausgedehnter und denkender Substanz ist nicht einfach Akzidens der
ausgedehnten oder denkenden Substanz, sondern bestenfalls Akzidens
beider zugleich.

In den
Prinzipien schreibt Descartes, nachdem er alles Seiende
streng in die beiden Gruppen der ausgedehnten und denkenden Dinge
eingeteilt hat:
Wir erfahren aber noch anderes in uns,
das wir nicht allein dem Geist und auch nicht nur dem Körper
zuschreiben sollten, was (...) aus der engen und innigen Verbindung
unseres Geistes mit dem Körper kommt, nämlich den Drang des
Hungers, Durstes usw., ebenso Erregungen oder Widerfahrnisse der
Seele, die nicht [nur] im reinen Denken existieren, wie die Erregung
zum Zorn, zur Fröhlichkeit, Traurigkeit, Liebe usw.,
schließlich alle Sinne[sempfindungen] von Schmerz, Kitzel, Licht
und Farbe, Klang, Geruch, Geschmack, Kälte, Härte und
anderer Qualitäten des Tastsinns.
Auf
die Frage,
wer denn nun die Emotionen habe, bleiben zwei
Antworten. Einerseits kann Descartes dahingehend gelesen werden, dass
es der Mensch als vermischtes Wesen sei, der die Emotionen
hat. Andererseits spricht einiges dafür, dass dennoch allein der
Geist die Emotionen habe, jedoch nur insofern er mit einem
Körper verbunden ist.

Aber auch in letzterem Falle sind
Emotionen nicht allein metaphysisch thematisierbar. Sie kommen der
Seele ja nur zu, insofern es einen konkreten Körper gibt, mit
dem sie verbunden ist. Der Geist ist zwar eine Substanz, aber nicht
allein als solche hat er die körperlichen Empfindungen.
Es scheint also nicht
eine Substanz zu
geben, der die Verbindungseigenschaften zukommen. Die Verbindung ist
der Mensch und der Mensch ist keine Substanz, gerade weil eine
Substanz etwas getrenntes (
distinctum) sein muss. Wenn man
das, was den Menschen ausmacht, sein Wesen nennen darf, dann besteht
dieses Wesen in Folgendem. Der Mensch ist, im Gegensatz zum reinen
Geist oder Körper, ein wesentlich vermischtes Ding, das
Empfindungen, Gefühle und Einbildungen hat, insofern diese
Verbindungen zwischen Leib und Seele darstellen. Seele und Leib sind
aber keine deutlichen Begriffe.

Ihre deutlichen Alternativen sind die
Begriffe des Geistes und des Körpers und deren Deutlichkeit
beruht in ihrer Getrenntheit. Der Mensch ist also geradezu ein
wesentlich undeutliches Wesen. Damit ist freilich die Frage von
Prinzessin Elisabeth nicht beantwortet: Wie kann ich über etwas
urteilen, das nicht klar und deutlich verständlich ist?
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