Hermann Wein, Der wahre Cartesische Dualismus, Zeitschrift für
philosophische Forschung X/1, 1956
Descartes betone im Grunde
die Autonomie der Methode und theoretischen Sphäre gegenüber
den darauf aufbauenden empirischen Resultaten einer Wissenschaft. Wein
vergleicht sein Vorgehen mit dem Heideggers in Sein und Zeit.
Es gibt einen ganz anderen Dualismus zu bedenken. Dies ist der
Dualismus von theoretischer und außertheoretischer Späre des
Menschseins. Dieser Dualismus besteht zu Recht (p. 3).Wein
kontrastiert parallel zur Unterscheidung zwischen Seele und Körper die
beidenleitenden Ideen (1) methode du discours und (2) morale
provisoire (p. 9). Der Zweifelkönne nicht radikal sein, da er
wenigstens die Setzung dieser beiden Leitprinzipiennicht antaste.
Man muß sie (die Formel cogito ergo sum) dann ausdeuten als einen
Hinweis auf ein Phänomen von kompliziertem Aufbau, das
Descartes ins Licht und in den Mittelpunkt gerückt hat. Dieses
Phänomen besteht (...) in der eigentümlichen Möglichkeit einer
radikalen Reform des Denkens aus dem Denken (p. 4). Wir
behaupten: eine gänzliche andere Konzeption des Menschen und seiner
inneren Ganzheit drückt sich in jenen 'Einschränkungen' des
Zweifelsversuchs aus (p. 11).'Gänzlich anders' soll diese
Konzeption als diejenige des Zweisubstanzenwesens sein.Anders gewendet
unterscheidet Wein anstatt von Seele und Körper zwei
verschiedeneZweifelsversuche (p. 12):(1) Zweifel an den praktischen
Gewissheiten (undurchführbar - p. 18)(2) Zweifel an den theoretischen
Gewissheiten (der cartesische)(zu den 2 Arten von Gewissheiten
entsprechend p. 20)Mit diesen Zweifelsarten sind aber auch die
angesprochenen Bereiche gewonnen: Descartes ist sich auch dessen
vollstäandig bewußt, daß sein Zweifelsversuch nur im Theoretischen
vor sich geht, genauer gesagt, in einem von den praktischen
Belangen im vorhinein streng gesonderten Bereich (p. 13)parallel zu
Heidegger: Der Neubau darf lediglich aus dem Einsehen und
Begründen unseres eigenen Denkens erfolgen (p. 5).Descartes, so
Wein, hat zweierlei konträre Vorstellungen von und Forderungenan das
Fundament, das den Neubau ermöglichen soll:(1) Das theoretische Denken
fundiere den Umbau, indem sich das ego jeglicherevtl. praktisch
relevanter Urteile enthält. Abtrennung der Theorie von derPraxis heißt
hier: Urteilsenthaltung, während die Leitung der Praxis vonder
provisorischen Moral übernommen wird.(2) andererseits 'dreht es sich
gerade um die Grundlagen für unsere theoretischeu n d unsere
praktische Existenz' (p. 6)(Wein spricht zu oft und wenig erhellend
von 'Existenz')Kritik ergibt sich letztlich darin, daß Descartes die
Basis für seine Wissenschaftnicht etwa in dem durch morale provisoire
und Methode konstituierten Bereich sucht,sondern in dem von allem
anderen abgesonderten Denken. Das eigentliche Ich des Zweifels muß
vielmehr im 'Gefüge-Verhältnis im wirklichen,
geamtmenschlichenSubjekt' gesehen werden, oder wohl in einer Art
Heideggerischen Alltäglichkeit.Wein gibt zugleich den Grund, aus dem
Descartes hier zu kurz greifen muß: Das Denken kann unseren
denkenden Bereich denken. Es kann nicht nicht in gleicher Weise
unseren Heándelnden Bereich denken. Dies ist der anthropologische
Elementarsatz (p. 18)(aber auch ein anthropologischer Eelemantarsatz
muß nicht unfehlbar sein... Warum wirunser Handeln nicht denken
können, ist nicht ohne weiteres klar. Evtl. hängt das daran,daß wir
noch weniger alleine handlen als denken können - Pluralität.) Damit
will Wein nicht zuletzt die bekannte Kritik formulieren, Descartes
werdedurch den Übergang von Denken zur denkenden Substanz zum
Dogmatiker (p. 17).Bevor er schließlich mit einem unergiebigen und
ausgedehnten Heideggerzitat (SuZ pp 61-62, pp. 954-96) schließt,
präsentiert Wein Descartes'echte Einsichten wie folgt: (1) Erste
Einsicht: Die Reformierbarkeit unserer Anschauungen durch die
Selbstbestimmung im cogito und Zweifelsversuch, durch den Entschluß
zu rücksichtsloser Rationalität. Fehler: Das cogito als Seinssubstanz.
(...) (3) Dritte Einsicht: Die Möglichkeit der Selbstführung aus
kritischem Denken, des moi-même de me conduire, innerhalb ihrer
gesetzten Grenzen. Fehler: Die radikale Denkreforn´m als
schließliche Aufhebung und Überschreitung der Wesensgrenze des
Theoretischen und des Außerthoretischen unseres Seins.