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Wilfrid Sellars, Science and Metaphysics. Variations on Kantian Themes, Ridgview Publishing Company, Atascadero, California [1967] 1992.

Kap. 1: Sensibility and Understanding

Zwei Hauptthesen:

  1. In der Formel "this such" scheint das "this" einen nichtbegrifflichen Inhalt zu repräsentieren, das unter einen Begriff ("such") gebracht wird; und Kant scheint gewisse "such" Termini vor anderen auszuzeichnen. Die Formeln "this here" und "this now" scheinen keine Prädikationen zu sein, sondern nur dazu zu dienen, Dinge zu identifizieren, lokalisieren, und herauszugreifen, um sie dann erst zu beschreiben. "Here" und "now" sind Formen der Anschauung, nicht des Verstandes. Sellars argumentiert, dass alle Terme, die anstelle von "such" stehen können, auch prädikativ verwendbar sein müssen, um überhaupt einen Gehalt zu haben. Es gibt also keine Beggriffe, die nur zum Herausgreifen von Gegenständen dienen würden. Das bedeutet auch, dass es keine reine Anschauung gibt.
  2. Vorstellungen werden anhand von counterparts der Attribute ihrer Gegenstände beschrieben. Vorstellungen von räumlich Ausgedehntem sind nicht rämlich ausgedehnt, Vorstellungen von Rotem sind nicht rot, und Vorstellungen von zeitlichen Abfolgen sind keine zeitlichen Abfolgen von Vorstellungen (vgl. Appendix). Die Vorstellungen haben Eigenschaften, die diesen nur korrespndieren. Daher sind zwei Bedeutungen von "Raum" zu unterscheiden: Raum als Form des Vorgestellten und dessen counterpart, Raum als Form der Vorstellungen.

"this such"

Anschauungen beziehen sich laut Kant unmittelbar auf ihren Gegenstand (KrV B93). Sellars erwägt, diese Unmittelbarkeit "on the model of the demonstrative 'this'" zu verstehen (p. 3). Es gibt auch nichtsinnliche Anschauungen (die Kant nur Gott zuschreibt, obwohl auch menschliches praktisches Wissen so verstanden werden kann); im Fall sinnlicher Anschauung muss das "this" als unmittelbarer (d.h. nicht durch einen Begriff qualifizierter) Verweis auf etwas in Raum und Zeit Gegebenes verstanden werden. Also nur "this over there," nicht aber "this square."

Sellars vergleicht die Funktion der Anschauung (am Modell des "this such") mit der des Substanzterms bei Aristoteles.

The two positions have in common the idea that we move from representations of the form
this-cube
which is a representation of a this-such nexus, specifically of this as a cube, though it is not a judgment and does not involve 'cube' in a predicative position, to representations in which the same nexus and the same content occur in explicitly propositional form
This is a cube
(p. 5)

Sellars kritisiert dann vor allem die Vorstellung, dass "this such" grundlegender sei als "this is such". Der Unterschied ist zu beachten, aber nicht mit einem des Vorrangs zu verwechseln. In Kap. IV wird er argumentieren, dass Wahrheit die primäre semantische Relation ist.

Ein direkter Bezug auf einen Gegenstand kommt nie allein durch ein "this" zustande; daher spielen spezifische Formen der Bezugnahme eine Rolle (= Formen der Anschauung). Allerdings müssen diese Formen auch immer Formen möglicher Beschreibungen sein.

...it is clear that in mature experience the 'this-suches' which typically get expressed in language are conceptually rich, even 'theory laden', and presuppose the predicative use of general representations. (p. 7)

"This such" kann also nur sagen, wer bereits "This is such" sagen kann (in welchem letzteren "such" beschreibende Funktion hat).

  • Conceptual content = representations of this-suches: p. 39.

Empfindungen

Empfindungen farbiger Dinge sind nicht farbig.

Thus, these non-conceptual states must have characteristics which, without being colours, are sufficiently analogous to colour to enable these states to play this guiding role. (p. 18)

Sellars scheint hier, nach Art eines naiven Realisten, anzunehmen, dass es da draußen Farben gibt, und dass Farbempfindungen zu diesen in einem bestimmten Verhältnis stehen müssen (so dass wir dann aus der Qualität unserer Empfindungen auf die der Dinge schließh;en können). Der Punkt kann aber auch so formuliert werden:

Dass Farbempfindungen Empfindungen von Farbigem sind, kann nicht (nur?) daran liegen, dass sie selbst farbig sind. Sie müssen vielmehr eine Eigenschaft haben, die sich von der Farbigkeit der Dinge unterscheidet, denn nur so können wir sagen, dass die Dinge farbig sind (im Gegensatz zu nur unseren Emfpindungen). Objektive Farbigkeit muss von subjektiver Farbigkeit katergorial unterschieden werden.

Das Problem ist dabei gar nicht die Frage, wie und mit welchem Recht wir subjektive Farbeindrücke auf objektive Farbigkeit beziehen. Das Problem geht dieser Frage voraus: es besteht darin, ühaupt eine objektive Farbigkeit von einer subjektiven Farbigkeit zu unterscheiden, um so erstmals im Prinzip über die reine Subjektivität hinauszukommen. Wir nehmen also nicht zuerst an, dass die Dinge Farben haben, und dass unsere Emfpindungen diese repräsentieren; und fragen dann, wie diese Repräsentation funktioniert. Kant betont vielmehr, dass wir gar keinen Unterschied zwischen Empfindungen und Gegenständen machen könnten, wenn wir nicht annehmen, dass die Eigenschaften unserer Empfindungen in gewisser Weise in einem Bezug zu etwas an den Dingen steht, das ihnen nur analog ist. Damit ergibt sich das Problem gar nicht, einen Bezug zwischen Empfindung und Gegenstand erst herzustellen.

Ähnliche Argumente lassen sich für Relationen, insbesondere räumliche und zeitliche, formulieren (p. 25, 231); in der zweiten Analogie der Erfahrung tut Kant das in Bezug auf den Unterschied zwischen einer subjektiven und einer objektiven zeitlichen Abfolge. Auch hier ist die Frage nicht, wie die beiden Abfolgen zusammenghebracht werden können; sondern, wie sie überhaupt erst unterschieden werden können.

Das Argument lässt sich wie folgt weiter entwickeln:

  1. Eine Empfindung ist immer eine Empfindung von etwas, das so und so ist. (Das Argument gilt allgemein für alles, das von etwas anderem handelt.)
  2. Eine Empfindung kann nicht nur deshalb eine Empfindung von etwas sein, das so und so ist, weil sie selbst in der gleichen Weise so und so ist. Eine Rotempfindung ist zum Beispiel nicht deshalb die Empfindung von etwas Rotem, weil sie selbst rot wäre. (Was von etwas anderem handelt, kann dies nicht (allein) aufgrund einer Gleichheits- oder Ähnlichkeitsrelation tun.)
  3. Jede Empfindung muss also einen Kontrast zulassen zwischen dem, was und wie sie selbst ist, und dem, wovon sie eine Empfindung ist (vgl. etwa B219). Eine Empfindung ist die Empfindung von etwas, weil sie X ist, und weil X dem korrespondiert, wovon die Empfindung handelt. (Alles, was von etwas anderem handelt, muss diesen Kontrast zulassen.)
  4. Daraus folgt nicht, dass wir die Beschaffenheit des Empfundenen jemals aus der Beschaffenheit der Empfindung ableiten oder gar ableiten müssen.
  5. Es folgt erstens, dass jede Empfindung fallibel ist. Die Beschaffenheit der Empfindung korrespondiert nur der Beschaffenheit ihres Gegenstandes, und diese Korrespondenzbeziehung kann gerstört sein (andernfalls bestünde nicht der erforderliche Kontrast). (Alles, was von etwas handelt, kann zu dem, wovon es handelt, in einem Missverhältnis stehen; nämlich indem es von etwas handelt, das es gar nicht gibt, oder von etwas in falscher Weise handelt, indem es es falsch repräsentiert.)
  6. Zweitens folgt, dass ein Eindruck, der kausal von einer Einwirkung abhängt, nicht schon deshalb eine Empfindung dieser Einwirkung ist. Wirkungen von Ursachen handeln nicht von ihren Ursachen; jedenfalls nicht deshalb, weil sie deren Wirkungen sind.
  7. Also sind Empfindungen nicht rein rezeptiv. Ein rein rezeptives Empfindungsvermögen ist nicht denkbar, denn in einer reinen Rezeption könte der Kontrast zwischen Empfindung und Empfundenen ebenso wenig entstehen wie die Möglichkeit der Fehlrepräsentation.
  8. Das Argument zeigt, dass alles, was von etwas handelt, auch in falscher Weise davon handeln können muss. Ansonstent gäbe es den Kontrast nicht. Wer umgekehrt folgert, dass Empfindungen eigentlich gar nichts darstellen, weil sie immer auch in falsch darstellen können, sieht nicht, dass der Grund für die Fallibilität von Empfindungen gerade darin besteht, dass sie etwas darstellen.

Siehe evtl. Rödl, Self-Consciousness.

Sellars jedenfalls wirft Kant vor, nicht genügend klar und umfassend zwischen den Formen des Empfindens und den Formen des Empfundenen unterschieden zu haben.

Zur Idee, dass die Eigenschaften der Repräsentationen und die Relationen zwischen den Repräsentationen counterparts der repräsentierten Eigenschaften und Relationen sind siehe: p. 18 (Farben), 26 (Relationen), 29,37,54-6 (Raum), Appendix (Zeit).Sellars verwendet den Begriff des counterparts auch, um das Verhältnis vopn Sprache zur Gedanke zu erläutern (p. 69), und das von Akt zu Gehalt (p. 64).

I have implied that Kant unduly restricts the class of predicates which permit the items of which they are true to exist simpliciter, as well as 'in' representings, by overlooking, or at least minimizing, the possibility that spatial, temporal and even colour predicates might be systematically ambiguous. (p. 40)

D.h. man kann sagen, dass die Dinge wirklich F sind, weil F auf Dinge anders zutrifft als auf Empfindungen. (Sellars scheint nicht zu sehen, dass Kant genau so spricht, nur in Bezug auf den Kontrast zwischen Empfindungen und Erscheinungen.)

-> Science and Metaphysics, Kap. 2.

-> Science and Metaphysics, Inhaltsverzeichnis.


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